Donnerstag, 6. Oktober 2011

Reinhard Stöckel, Der Lavagänger

Wow, was für ein Buch! Der Debutroman des deutschen (!) Autors Reinhard Stöckel ist endlich mal wieder ein Buch, das einen bleibenden Eindruck hinterläßt. Von der hiesigen Buchhändlerin empfohlen, war ich schon nach dem durchlesen des Kappentextes sicher, daß dies eine ganz außergewöhnliche Geschichte sein würde:

Henri Helder macht eine seltsame Erbschaft: ein altes Paar handgefertigter Lederschuhe mit rätselhaften Schriftzeichen auf den Schäften - das Vermächtnis seines verschollenen Großvaters. Was um Himmels willen soll er damit anfangen? Sie einfach wegwerfen? Helder versucht es, doch die Schuhe kehren unverhofft zu ihm zurück. Merkwürdig verhält sich auch seine Familie: Der Nichtsnutz sei verdampft auf den Lavafeldern von Hawaii, heißt es lapidar.
Schon bald bestimmen fabelhafte Gestalten wie ein Pferdekopfgeige spielender Derwisch, eine schöne Seidenraupenzüchterin, ein einbeiniger Navigator und eine polynesische Tänzerin Helders Leben. Er muss der Spur der Schuhe folgen, ganz bis ans andere Ende der Welt, denn nur so kann er ein altes Geheimnis lüften...
Dieser Roman ist vielschichtig, phantasievoll und märchenhaft-abenteuerlich und man muß sich sowohl auf die Geschichte wie auch auf die Sprache einlassen. Nach und nach erfahren wir Henri Helders Familiengeschichte und die ist so aufregend und spannend, dass man immer weiter lesen muss. Sie entfaltet sich in vielen Zeitsprüngen und zahlreichen zeitlichen Zusammenhängen.Dabei wird auch die politische Lage der jeweiligen Zeit geschildert, die die Familie auf ihre Art meistert. Die Geschichte ist voller skurriler Charaktere und mal anrührend, mal tragisch-komisch. Das Schicksal von Henris Großvater Hans Kaspar Brügg rollt sich zwar im großen und ganzen aber nicht streng chronologisch entlang dessen Lebenslinie auf. Das macht die Lektüre sehr interessant und man muß als Leser schon einige Fäden sortiert halten. Selbst Details greift Stöckel später wieder auf. Größere Lesepausen sind deshalb nicht zu empfehlen - aber man kann eh nicht aufhören zu lesen ;)
Die verschiedenen Erzählstränge finden am Ende alle zusammen.

Stilistisch hat der Roman einen sehr eigenen Erzähltonfall, der ausgezeichnet zum Inhalt und auch zum Charakter Helders paßt. Das Buch ist voll von Sätzen wie diesen:

Nachdem Arkona entdeckt und der Hunger gestellt war, verbrachte man den Rest des Tages am Strand von Baabe. Die Großmutter thronte in ihrem Stuhl, und der Wind zauste ihr eine graue Strähne nach der anderen aus dem Haarknoten, während sie selig lächelnd schlief. Die Mutter schimmerte in verschiedenen Rottönen vor sich hin, die sie am Abend eine gesunde Bräune nannte, die zu betasten dem Vater aber durch heftige Seufzer und kleine Aufschreie verwehrt wurde. So lange, bis sich die mühsam erlittene Farbe zu ihrem Kummer nach wenigen Tagen in weiße abziehbare Fetzen verwandelt hatte...
Manchen Satz habe ich zweimal gelesen, um ihn wirken zu lassen, um nachspüren zu können, ob sich dadurch eine andere Bedeutungsnuance vermittelt. So etwas erlebe ich nicht allzu oft bei der Lektüre eines Romans und hatte deshalb meine Freude daran.

Alles in allem: nachdem ich dieses Buch gelesen habe, habe ich doch noch Hoffnung für die deutsche Gegenwartsliteratur. Hoffentlich schreibt Herr Stöckel noch ganz viele weitere Romane!

Kommentare:

  1. Mir erschien das Buch als etwas zu schwierige Lektüre für mich, aber nachdem ich mit Dir darüber gesprochen habe, bin ich nun doch neugierig geworden. Allein Deine großartige und begeisterte Buchvorstellung ist es wert, die Geschichte von Hans Kaspar Brügg zu lesen. Würdest Du es mir einmal ausleihen?

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  2. Na klar, da regt mich doch schon die Frage auf ;-) Ich bin ja mal sehr gespannt, was Du dazu sagst. Buchmäßig liegen wir ja nicht unbedingt auf der gleichen Wellenlänge :-)

    Hab noch einen schönen Sonntach :-)

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Dankeschön :-)
Nette Grüße von den Farbtrullas