Dienstag, 27. Dezember 2011

Barbara Beuys, Paula Modersohn-Becker oder: Wenn die Kunst das Leben ist

Inhalt:
Die Malerin Paula Modersohn-Becker hat ein gewaltiges Werk geschaffen, anknüpfend an Gaugin und van Gogh, und in vielfacher Hinsicht vergleichbar mit dem frühen Picasso. Barbara Beuys erzählt ihre bewegende Lebensgeschichte: von der Kindheit in Dresden, von der Ausbildung im Berlin an der Schwelle zur Moderne, vom Künstlerdorf Worpswede und von ihrem Leben in Paris, wo sie ihre künstlerische Heimat findet und sich als erste Frau lebensgroß im Akt malt. Barbara Beuys deutet die Vielfalt und die Provokation ihrer Gemälde gegen die herrschende Kunstkritik und zitiert Dokumente, die die bisher ausgeblendete Dramatik der Künstlerehe zwischen Paula und Otto Modersohn aufzeigen. Dabei entsteht ein neues Bild von Paula Modersohn-Becker: eine selbstbewusste Frau, die im Leben und in der Kunst zur Moderne gehört. 

Meine Bewertung:
Diese Biografie  ist zum 100. Todestag von Paula Modersohn-Becker erschienen. In der Zeit wurde sie als die derzeit beste beschrieben.
Früher hatte ich des öfteren Kalender der Worpsweder-Künstler aufgehängt, ohne näheres über sie zu wissen. Einfach nur so, weil mir die Bilder gefielen.
Und ich erinnere mich auch noch an jenen Urlaub, als ich noch keine 20 war und wir auf dem Heimweg den Entschluß faßten, über Worpswede zurück zu fahren. Es lag ja auf dem Weg und so konnte ich endlich sehen, wie es dort ist.
Als wir dort ankamen, war es gerade 14.00 Uhr und die Galerie, die wir besuchen wollten, hatte Mittagspause bis 14.30 Uhr. So vertrieben wir uns diese 30 Minuten irgendwie, gingen dann wieder dorthin - und... es war immer noch geschlossen.
Wir waren natürlich verwirrt, verärgert... bis uns langsam dämmerte, das just in dieser Nacht die Uhren wieder auf Winterzeit zurück gestellt und es somit erst 13.30 Uhr war.
Das hatten wir in unserem Urlaubsrhytmus völlig verpennt.
Naja, viel ist ansonsten nicht von Worpswede hängengeblieben, das Dorf ist ziemlich klein und ohne jegliche Attraktion. Ein typisches norddeutsches Dorf in der Nähe eines Moores eben. Landschafltich bestimmt sehr schön, aber dafür hatte ich damals nicht soviel Sinn...
Da ich allerdings durchaus gerne Biografien lese und mich ein bißchen für Kunst interessiere, hab ich mich also für diese Biografie entschieden.
Es fällt mir ein bißchen schwer, ein endgültiges Urteil abzugeben. Sehr interessant und gelungen fand ich die Schilderung des deutschen Familienlebens Ende des 19.Jahrhunderts.
Mein Eindruck über Paula Modersohn-Becker ist ambivalent: die ersten 2/3 des Buches erschien sie mir wie eine überspannte, verantwortungslose Person: Wie kann sie von ihrem Mann weiter ständig Geld verlangen? Warum knüpft sie nicht endlich Kontakte zu Pariser Galerien, um Bilder auszustellen? Warum malt Paula nur für sich im stillen Pariser Kämmerlein? Und wie will sie davon leben? 
Diese Fragen stellt auch die Biografin Barbara Beuys.
Dann ist da noch die Sache mit Paul Modersohns jahrelanger Impotenz, die zum erstenmal das Licht der Öffentlichkeit erblickt und bislang noch in keiner einzigen Biografie erwähnt wurde.
Kritisiert wurde, daß die Autorin zwar ausdrücklich erwähnt, daß sie die erste ist, die diese Tatsache in die Öffentlichkeit trägt, aber dann doch ziemlich um den heißen Brei herumredet - aus Respekt vor der von ihr biografierten Paula - wie sie sagt.
Erst ganz zum Ende wendet sie sich dem Werk von Paula zu und bringt es in Zusammenhang mit ihrem Leben.
Paula Modersohn-Beckers hat mit ihrem äußerst umfanfreichen Werk in vielfacher Hinsicht wohl etwas ganz neues in der Malerei geschaffen. Als Frau hatte sie damit zu der damaligen Zeit keine Chance (so hat sie sich z.B. als erste Frau lebensgroß im Akt gemalt).
Dieser Teil, so knapp er auch ist, bringt einem die Person Paula wieder näher.
Insgesamt glaube ich, daß es auch für Biografin nicht einfach gewesen sein muß, sich der Person Paula Modersohn-Becker zu nähern. Ob sie ihr wirklich gerecht geworden ist? Kann man das überhaupt? 
Aber spielt das eine Rolle?
Barbara Beyus ist nämlich etwas anderes großartig gelungen: Sie hat Paula Modersohn-Becker nicht zu einer Heiligen gemacht, sie hat auch ihr eigenes Unverständnis formuliert (in welcher Biografie findet man sowas schon?). Und somit präsentiert sie dem Leser keinen vorgefertigten Eindruck, den er nur noch übernehmen muß, sondern zeigt einen Menschen mit Fehlern, Unzulänglichkeiten und künstlerischer Genialität.
Auch wenn dies keine Lektüre zur Entspannung ist, habe ich diese Biografie doch mit großer Spannung und Interesse gelesen. Ich wünsche diesem Buch noch ganz viele Leser!

Kommentare:

  1. Mensch, Creaphila, Du beschreibst die Bücher, die Du magst, wirklich großartig. Auch das ist eine Kunst!

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  2. Oooh, da werd ich ja ganz verlegen bei soviel Lob :-) Bücher liegen mir halt am Herzen und wenn sie mir gefallen, möchte ich sie anderen auch gern näherbringen :-)

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Dankeschön :-)
Nette Grüße von den Farbtrullas