Freitag, 10. August 2012

Anne Enright, Anatomie einer Affäre

Klappentext:
Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, als Gina den Familienvater Seán Vallely bei einem Gartenfest kennenlernt. Doch dann treffen sie sich zufällig wieder, trinken zu viel, landen im Bett - und verfallen einander. So beginnt eine verhängnisvolle Affäre, die jahrelang vor den Ehepartnern geheim gehalten wird. Anfangs eine Beziehung voller Leidenschaft und Glück, hält langsam das Schweigen Einzug, Gewissensbisse, Vorwürfe, Schuld - ist es Liebe? Und darf man für diese Liebe das Seelenheil seines Kindes opfern?
Anne Enright ist für die schonungslose Unerbittlichkeit bekannt, mit der sie Beziehungslügen seziert - da reicht eine Geste, ein Blick, und schon ist klar: Die Liebenden steuern in den Abgrund der Alltagsnormalität. Mit "Anatomie einer Affäre" ist der Irin ein würdiger Nachfolger ihres preisgekrönten Romans "Das Familientreffen" gelungen: schockierend offen, scharfsinnig und von einer psychologischen Präzision, die kein Entrinnen zulässt.

Meine Meinung zum Buch:
Die irische Autorin Anne Enright wiederholt hier nicht einfach die schon tausendfach erzählte Geschichte einer Affäre, wie sie sich tagtäglich so oder ähnlich irgendwo abspielt. Sie legt eine Beziehung auf den Seziertisch. In einer völlig emotionslosen, distanzierten Sprache lässt sie die Hauptakteurin Gina schildern, was passiert ist. Das einzig menschliche, das sie sich gestattet, ist die nicht-chronologische Erzählweise. So wie eben auch Gedanken nicht chronologisch sind, springen die Erzählstücke zeitlich hin und her. Im ersten Teil werden hauptsächlich die Ereignisse geschildert, während wir im zweiten Teil etwas über die Kindheit von Gina erfahren und so nach und nach begreifen, wie sie zu dem wurde, was sie ist. Auch hier gibt es keine Deutungen oder Beurteilungen für den Leser und doch sind diese Schilderungen äußerst anrührend. Wir sehen das verletzte Wesen, den Kern der oberflächlich-egozentrischen Gina.
Beim Lesen des Romans wartet man auf eine Überraschung, auf eine unerwartete Wendung - doch nichts passiert. Schicht um Schicht wird offengelegt, der nackte Kern mehr und mehr freigelegt. Und genau das zieht einen völlig in seinen Bann. Durch die total rationale Schilderung hält man als Leser Distanz. Anne Enright hat ihren Roman klug konzipiert, zum Glück verzichtet sie auf eine "es-war-Schicksal- wir-konnten-uns nicht-gegen-unsere-Liebe-wehren-Schnulze". Und während man fasziniert zuschaut, wie die anfänglich heimliche Liebe ihren Kitzel verliert, alltäglich wird und nach und nach den Bach runtergeht, platzt gleichzeitig die irische Immobilienblase - und so verwandeln die inneren und die äußeren Entwicklungen das Leben der Beteiligten in einen Trümmerhaufen.
Das Ende kam für mich völlig unerwartet. Ich hatte zwischendurch schon mehrfach gedacht "hier ist die Geschichte eigentlich zuende", dies könnte der Schlusssatz sein. Doch der tatsächliche Schluss ist ein kleiner Knalleffekt, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Er löst die Anfangsszene auf, schließt den Kreis und ist genau richtig.
Fazit: ein ganz tolles Buch, das einen von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht. Großartige Gegenwartsliteratur, ganz unbedingt lesen!

1 Kommentar:

  1. Liebe Creaphila,
    ja, DAS spricht mich sehr an! Ich guck mal, ob's das im Original fürn Kindle gibt - das wär's für mich! Danke für Deine tolle Rezension, Du machst das hochkarätig!
    Dein Buntfex

    AntwortenLöschen

Dankeschön :-)
Nette Grüße von den Farbtrullas